Przewalski-Pferd aus dem Tiergarten zur Auswilderung in Kasachstan
Ein Nürnberger Przewalski-Pferd (Equus przewalski) trägt künftig zum Erhalt der kasachischen Steppe bei: Die Stute aus dem Tiergarten der Stadt…
Ein Nürnberger Przewalski-Pferd (Equus przewalski) trägt künftig zum Erhalt der kasachischen Steppe bei: Die Stute aus dem Tiergarten der Stadt Nürnberg wurde Anfang Juni 2026 mit drei anderen per Flugzeug und LKW in eine Auswilderungsanlage im kasachischen Alibi gebracht. Dort werden die Pferde Schritt für Schritt auf die Auswilderung vorbereitet. Ziel des Projekts ist es, die größte verbliebene Steppenlandschaft der Welt zu erhalten, indem dort wieder große Pflanzenfresser wie Przewalski-Pferde und Kulane angesiedelt werden. Der Transport ist Teil eines internationalen Natur- und Artenschutzprojekts, an dem sich der Tiergarten und der Verein der Tiergartenfreunde Nürnberg e. V. seit 2012 aktiv beteiligen.
Große Pflanzenfresser wie Przewalski-Pferde und Kulane halten die Landschaft offen, bewahren so den Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und helfen dabei, die Ausbreitung von Bränden zu verhindern. Der Tiergarten bringt sein Fachwissen und seine logistischen Fähigkeiten bei der Auswilderung der Przewalski-Pferde und bei der Umsiedelung von Kulanen innerhalb Kasachstans aus dem Gebirge in die Steppe ein. Der Verein der Tiergartenfreunde Nürnberg e. V. leistet hierbei einen signifikanten finanziellen Beitrag und ermöglichte beispielsweise im Herbst 2025 den Transport von 24 Kulanen. „Der Einsatz des Vereins für die Wiederansiedelung großer Pflanzenfresser in der Kasachischen Steppe ist ein tolles Beispiel dafür, was wir erreichen können, wenn bürgerliches Engagement und Fachwissen ineinandergreifen – herzlichen Dank dafür“, sagt Tiergartendirektor Dr. Dag Encke.
Die Federführung des Projekts liegt bei der Kasachischen Vereinigung für den Erhalt der biologischen Vielfalt (Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan – ACBK). „Wildpferde in Kasachstan willkommen zu heißen ist ein bedeutender Schritt im Rahmen internationaler Kooperation und langfristiger Planung von Naturschutzarbeit“, sagt Vera Voronova, Direktorin der ACBK. „Wir setzen uns dafür ein, den Lebensraum der Tiere zu erhalten und sicherzustellen, dass sie sich gut entwickeln können – und wir danken unseren Partnern für ihre anhaltende Unterstützung und dafür, dass sie an das Projekt glauben.“
Der Transport der vier Stuten, die aus Nürnberg, dem Marwell Zoo in Großbritannien und dem Tierpark Berlin kamen, bedurfte vieler Monate der Vorbereitung und internationalen Koordination. „Lange vor dem Transport haben wir begonnen, Bela zu trainieren, damit sie in die Box geht“, sagt Tiergarten-Revierleiter Daniel Zieger über die Nürnberger Stute. Das war für den Transport selbst, aber auch für die nötigen Voruntersuchungen wichtig. „In der Box haben wir sie zusammen mit unseren Tierärzten in Narkose gelegt, das Brandzeichen gesetzt und sie umfassend untersucht.“ Mit dem Brandzeichen, einer Nummer, können die Naturschützer vor Ort Bela später auch aus der Ferne wiedererkennen und zuordnen.
Die medizinische Untersuchung ist für die Entscheidung, ob ein Tier tatsächlich ausgewildert wird, unerlässlich. Es gilt, unbedingt zu verhindern, dass Krankheiten in die Natur eingeschleppt werden. So sehen es auch die strengen Kriterien vor, welche die Weltnaturschutzunion IUCN in ihren Richtlichtlinien für Auswilderungen aufgestellt hat. „Für die Auswilderung möchte man Tiere, die einwandfrei gesund sind“, sagt Zootierärztin Katrin Baumgartner. „Deswegen haben wir auch bei Bela Hufe und Zähne untersucht und Blutproben genommen – unter anderem, um etwaige Infektionskrankheiten zu erkennen.“ Erst, nachdem alle Ergebnisse vorlagen, haben Tiergartenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter die Stute im Sommer 2025 in den Tierpark Berlin gebracht. Dort traf sie auf Stuten aus anderen Zoos und wurde letztlich zusammen mit drei anderen für die Auswilderung ausgewählt. Neben diesen Tieren traten 2026 über den Zoo Prag auch vier Hengste ihre Reise nach Kasachstan an.
Das Wiederansiedelungsprojekt für Przewalski-Pferde ist die Frucht inzwischen jahrzehntelanger Arbeit, die tierhalterische, tiermedizinische, diplomatische, koordinatorische und logistische Bemühungen umfasst. Das gelingt nur in enger Zusammenarbeit aller beteiligter Partner. Neben der ACBK sind dies insbesondere die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), das Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), der Zoo Prag und weitere Zoos. „Wir dürfen nie vergessen, wie enorm die Kosten und Anstrengungen sind, um Arten zurückzubringen, die in der Wildbahn ausgestorben sind“, sagt Michael Brombacher von der ZGF. „Die Natur zu schützen, bevor solche Verluste eintreten, ist immer kostengünstiger und effektiver, als zu versuchen, diese wieder rückgängig zu machen.“
Über die Projektpartner
Dieses Wiederansiedlungsprogramm wird von einem internationalen Konsortium koordiniert, zu dem der Tiergarten Nürnberg, der Prager Zoo, das Forestry and Wildlife Committee des Ministry of Ecology, Geology and Natural Resources der Republik Kasachstan, die ACBK, die ZGF, der Tierpark Berlin und der HortobágyNationalpark gehören. Das Management vor Ort, die tierärztliche Betreuung und die ökologische Überwachung werden von der Altyn Dala Conservation Initiative gemeinsam mit dem Leibniz IZW durchgeführt. Die Altyn Dala Conservation Initiative wurde 2005 zum Schutz und zur Wiederherstellung der einzigartigen Steppenökosysteme Kasachstans gegründet, 2023 als „UN World Restoration Flagship“ anerkannt und 2024 mit dem Earthshot Prize ausgezeichnet. Das langfristige Ziel des Konsortiums ist es, bis zum Jahr 2029 insgesamt 40 bis 45 Wildpferde in die Turgai-Steppe in Zentralkasachstan zu entlassen.