Nach 200 Jahren: Erste Przewalski-Fohlen in der kasachischen Steppe geboren
Zwei Fohlen, die einen Meilenstein für die Rückkehr einer ganzen Art nach Kasachstan bedeuten: Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der…
Zwei Fohlen, die einen Meilenstein für die Rückkehr einer ganzen Art nach Kasachstan bedeuten: Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der kasachischen Altyn-Dala-Steppe sind im August erstmals seit rund 200 Jahren zwei Przewalski-Fohlen auf zentralkasachischem Boden geboren. Es ist der erste Nachwuchs der Wildpferde, die im Rahmen des internationalen Wiederansiedlungsprojekts in ihren ursprünglichen Lebensraum zurückgebracht wurden, in dem sich der Tiergarten Nürnberg und der Verein der Tiergartenfreunde Nürnberg e.V. seit Jahrzehnten engagieren.
Möglich wurde dieser Erfolg durch die langjährige Zusammenarbeit von zoologischen Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Forschungsinstituten und politischen Institutionen aus Europa und Asien. Die Mütter der Fohlen sind die Stuten Tessa und Umbra, die vor zwei Jahren aus dem Tierpark Berlin nach Kasachstan gebracht wurden. Tessa ist in Berlin geboren. Beide Stuten gehörten zu den ersten sieben Przewalski-Pferden, die unter Leitung des Zoo Prag im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ per tschechischem Militärflugzeug nach Kasachstan transportiert wurden. Beide Fohlen sind wohlauf und standen bereits kurze Zeit nach der Geburt auf eigenen Beinen.
Die Jungtiere werden nun gemeinsam mit der Herde in der weitläufigen Steppe aufwachsen – in einem Lebensraum, aus dem Przewalski-Pferde rund 200 Jahre lang verschwunden waren. „Die Geburt des ersten Fohlens ist das Ergebnis einer enormen Menge an Arbeit, die lange vor der Ankunft der Pferde in Kasachstan begonnen hat“, sagte Vera Voronova, Direktorin der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK). „Die Vorbereitung des Geländes und der Infrastruktur, die Organisation der komplexen Logistik für den Transport der Tiere, ihre Eingewöhnung sowie die tägliche Überwachung und Versorgung durch Fachleute, all dies war entscheidend, damit sich die Pferde erfolgreich an ihre neue Umgebung anpassen konnten. Nun steht eine neue Aufgabe vor uns, denn wir müssen das Wachstum und die Entwicklung der ersten in Kasachstan geborenen Przewalski-Pferde beobachten. Wir hoffen, dass diese erste Generation den Grundstein für eine sich selbst erhaltende Population legen wird.“
Das Przewalski-Pferd gilt als das letzte noch lebende echte Wildpferd. Nachdem die Art in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wildnis ausgestorben war, überlebte sie nur dank internationaler Zuchtprogramme in Zoos. Heute soll sie im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ unter der Leitung des Zoo Prag wieder dauerhaft in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. In der Mongolei und China ist dies bereits erfolgreich gelungen. Kasachstan ist damit das dritte Land, in dem Przewalski-Pferde wieder in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden.
Die ersten sieben Przewalski-Pferde aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo Prag erreichten Kasachstan 2024. 2026 kamen vier Stuten aus Nürnberg, dem Marwell Zoo in Großbritannien und dem Tierpark Berlin sowie vier Hengste in Kasachstan an. Im Wiederansiedlungszentrum Alibi wurden sie zunächst in großzügigen Akklimatisierungsgehegen untergebracht, bei deren Bau die tiergärtnerische Expertise von Zoos eingeflossen ist und von denen die ersten bereits im Jahr 2012 in Zusammenarbeit der kasachischen Partner mit Fachleuten des Tiergarten Nürnberg angelegt wurden.
Dort konnten sie sich ein Jahr lang an das Klima, die Landschaft und die natürlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat gewöhnen. Temperaturen von bis zu -40 Grad und die raue Umgebung der kasachischen Steppe stellen besondere Anforderungen an die Tiere. „Die Geburt der beiden Fohlen stimmt uns sehr zuversichtlich, dass wir dank jahrzehntelanger internationaler Bemühungen in diesem Projekt und dem unermüdlichen Einsatz unserer Partner vor Ort unser großes gemeinsames Ziel erreichen werden: Die Wiederansiedelung großer Pflanzenfresser in der kasachischen Steppe und den Erhalt dieses einzigartigen Lebensraumes“, sagt Tiergartendirektor Dr. Dag Encke.
Als große Pflanzenfresser tragen Przewalski-Pferde dazu bei, die Landschaft offen zu halten, Samen zu verbreiten und Lebensräume für zahlreiche weitere Arten zu schaffen. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, die Ausbreitung von Bränden in der Steppe zu begrenzen. Durch ihr Grasen halten sie die Grasvegetation kurz und reduzieren so potenziell die Menge an brennbarem Pflanzenmaterial.
„Die Rückkehr der Przewalski-Pferde ist weit mehr als die Wiederansiedlung einer einzelnen Art“, sagt Michael Brombacher, Leiter der Europareferats der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, die das Wiederansiedlungsprojekt Projekt im Rahmen der „Altyn Dala Conservation Initiative“ begleitet. „Große Wildtiere, die Pflanzen fressen, sind ein wichtiger Bestandteil natürlicher Steppenökosysteme und prägen diese Landschaften durch ihre Beweidung. Dass nun die ersten Fohlen geboren wurden, ist deshalb nicht nur ein wichtiger Schritt für die Wildpferde, sondern auch für die langfristige Wiederherstellung der zentralkasachischen Steppe. Wir sind auf einem guten Weg.“
Dieses Wiederansiedlungsprogramm wird von einem internationalen Konsortium koordiniert, zu dem der Tiergarten Nürnberg, der Prager Zoo, das Forestry and Wildlife Committee des Ministry of Ecology, Geology and Natural Resources der Republik Kasachstan, die ACBK, die ZGF, der Tierpark Berlin und der Hortobágy-Nationalpark gehören. Das Management vor Ort, die tierärztliche Betreuung und die ökologische Überwachung werden von der Altyn Dala Conservation Initiative gemeinsam mit dem Leibniz-IZW durchgeführt. Die Altyn Dala Conservation Initiative wurde 2005 zum Schutz und zur Wiederherstellung der einzigartigen Steppenökosysteme Kasachstans gegründet, 2023 als „UN World Restoration Flagship“ anerkannt und 2024 mit dem Earthshot Prize ausgezeichnet. Das langfristige Ziel des Konsortiums ist es, bis zum Jahr 2029 insgesamt 40 bis 45 Wildpferde in die Turgai-Steppe in Zentralkasachstan zu entlassen.