Lebensraumschutz: Tiergarten unterstützt Umsiedelung von Kulanen in Kasachstan
Das zweite Jahr in Folge gingen im Herbst 2025 wilde Kulane auf große Fahrt über 2.000 Kilometer quer durch Kasachstan: Der Verein der…
Das zweite Jahr in Folge gingen im Herbst 2025 wilde Kulane auf große Fahrt über 2.000 Kilometer quer durch Kasachstan: Der Verein der Tiergartenfreunde Nürnberg e.V. und der Tiergarten der Stadt Nürnberg unterstützten ihre langjährigen Projektpartner erneut dabei, die seltenen Wildesel vom Altyn-Emel-Nationalpark in das Naturschutzgebiet Altyn Dala zu transportieren.
Dort stärken sie eine neu entstandene und sich entwickelnde Population. Im Herzen Kasachstans waren die großen Pflanzenfresser vor Generationen ausgestorben - ihre wichtige Rolle im Ökosystem fehlte dort. Für das Team aus Naturschützerinnen und Tierärzten war dieser Transport emotional und logistisch anspruchsvoll – dennoch gibt die Ankunft einer neuen Gruppe in Zentralkasachstan Anlass zur Hoffnung, dass die „goldene Steppe“ wieder ihr ökologisches Gleichgewicht zurückerlangt.
„Die Umsiedlung der Kulane ist ein wichtiger und anspruchsvoller Teil unserer Naturschutzarbeit in Altyn Dala. Wir sind sehr froh, dass sich nach langjähriger Erprobung verschiedener Ansätze die Methode des Transports über Land erneut als praktikabel erwiesen hat“, sagt Albert Salemgareyev, der leitende Spezialist für Wiederansiedlungen bei der Gesellschaft für den Schutz der Biodiversität Kasachstans (Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan, ACBK).
„Die Ökosystemleistungen, die wir von dieser Schlüsselart erwarten, werden für die langfristige Wiederherstellung der Goldenen Steppe von entscheidender Bedeutung sein“, fügt Stephanie Ward, Programmleiterin für Kasachstan bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, hinzu.
Im September 2025 transportierten schwere Lastwagen die Gruppe wild gefangener Kulane in knapp 50 Stunden über mehr als 2.000 Kilometer durch Kasachstan. Während der langen und anspruchsvollen Reise wurden die Tiere dank speziell entwickelter Transportcontainer kontinuierlich überwacht. Die von „Conservation Solutions“ entwickelten Container ermöglichten die Fütterung, Tränkung und stetige Videoüberwachung während der gesamten Fahrt. Conservation Solutions ist ein führendes Unternehmen für Umsiedlungen von Wildtieren, das in ganz Afrika und darüber hinaus tätig ist. Es stand während des gesamten Prozesses mit fachkundiger Beratung zur Seite. Die professionelle tierärztliche Betreuung wurde von Julia Bohner, Wildtierärztin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), geleitet.
Die Umsiedlung der Kulane umfasste vier risikoreiche Schritte: Zunächst fing das Team wildlebende Kulane im Altyn-Emel-Nationalpark ein. Während die Tiere in der Koppel waren, wählten die Fachleute sorgfältig aus, welche von ihnen in die Steppe transportiert und welche im Altyn-Emel-Nationalpark bleiben würden. Nach gründlicher tiermedizinischer Untersuchung wurden die ausgewählten Tiere auf Lastwagen verladen und schließlich auf die „große Fahrt“ durch Kasachstan geschickt.
Angekommen am Zielort im Altyn Dala Naturschutzgebiet wurden die Wildesel in das vorläufige Akklimatisierungsgehege entlassen. Trotz der umfangreichen Maßnahmen, welche die Expertinnen und Experten ergriffen hatten, um Verletzungen oder Schlimmeres während solch komplexer Umsiedlungen zu vermeiden, kann es zu gefährlichen Zwischenfällen kommen. Das Team achtete bei der Zusammenstellung der Kulan-Gruppe für die Umsiedlung darauf, eine harmonische Herde mit intakten sozialen Strukturen auszuwählen. Zusätzlich wurden die Tiere vor dem Verladen sediert, um Stress zu vermeiden.
Dennoch kann es vorkommen, dass einzelne Tiere in Panik geraten - was auf dem Transport im Herbst 2025 tragischerweise bei zwei der beteiligten Tiere geschah. Beide Kulane wurden schwer verletzt und überlebten den Transport nicht. Obwohl die Sicherheit und das Tierwohl für das Team oberste Priorität haben, lassen sich Risiken bei der Arbeit mit Wildtieren nicht komplett eliminieren und solche Vorfälle sich nicht immer vermeiden.
Geschehen solche Unfälle, sind sie für das Team emotional belastend und stehen im Fokus des Lernprozesses aller Beteiligten, um künftige Umsiedlungen weiter zu verbessern und Risiken zu mindern. Dank dieses Ansatzes und der Bemühungen um ein proaktives Risikomanagement verzeichnete das Team seit Beginn des Wiederansiedlungsprojekts nur wenige gefährliche Zwischenfälle.
„Wir arbeiten seit 2012 mit unseren internationalen Partnern zusammen, um den Lebensraum Steppe in Kasachstan zu erhalten“, sagt Tiergartendirektor Dr. Dag Encke. „Große Pflanzenfresser wir Kulane und Przewalski-Pferde sind dabei ein unabdingbarer Bestandteil, weil sie helfen, den Lebensraum für viele andere Tier- und Pflanzenarten offen zu halten. In diesem anspruchsvollen Projekt sind wir immer wieder beeindruckt von der Professionalität und Ausdauer unserer Partner.“
Die Kulane verbringen nun ihren ersten Winter in einem 54 Hektar großen Gehege, bevor sie sich im nächsten Frühjahr ihren Artgenossen in der Natur der Goldenen Steppe anschließen. Mit ihnen ist die sich entwickelnde Kulan-Population in Altyn Dala auf dem besten Weg, sich selbst zu erhalten.
Kulane sind eine der vom Aussterben bedrohten Unterarten des Asiatischen Wildesels. Die großen Weidetiere und Grasfresser unterstützen den Nährstoffkreislauf der Graslandschaft und verbreiten Samen über große Entfernungen. Einst als edles Wild angesehen und ausschließlich von politisch privilegierten Personen gejagt, wurden Kulane vor einem Jahrhundert in den weiten Steppen Zentralkasachstans ausgerottet. Seit 2017 kehren sie im Rahmen der Altyn Dala Conservation Initiative in ihre Heimat zurück.
Der Altyn-Emel-Nationalpark im Südosten Kasachstans beherbergt die weltweit größte noch existierende Population von Kulanen. Eingebettet zwischen hohen Bergen und einem breiten Stausee bietet er einen begrenzten Lebensraum für eine wachsende Zahl von Tieren. Die wildlebenden Kulane aus dieser Region bilden die Grundlage für eine neue Population in der Zentralsteppe. Obwohl beide Gebiete innerhalb Kasachstans liegen, sind sie durch endlose Graslandschaften voneinander getrennt, die nur mühsam zu durchqueren waren. Seit 2024 ist das kasachische Straßennetz so weit ausgebaut, dass ein Transport über Land möglich ist.
Der Transport der Kulane erfolgt im Rahmen der Altyn Dala Conservation Initiative – einer Partnerschaft zwischen dem Committee of Forestry and Wildlife des Ministry of Ecology and Natural Resources der Republik Kasachstan, der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) und Fauna & Flora. Die tierärztliche Betreuung im Rahmen der Initiative übernimmt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW). Technische und finanzielle Unterstützung leistet der Tiergarten Nürnberg. Das Einfangen der Kulane wurde vom Altyn-Emel-Nationalpark und dem Unternehmen „Okhotzooprom“ durchgeführt, während die Verladung und der Transport von dem südafrikanischen Wildtiertransportunternehmen „Conservation Solutions“ unterstützt und überwacht wurden.