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Änderungen im Tierbestand

Erfolgreiche Uhu-Brut im Reichswald

Unter den wachsamen Augen von Tiergarten-Mitarbeitern sind drei junge Uhus im Kompostwerk Fischbach der Veolia Umweltservice Süd GmbH & Co. KG flügge geworden.

Am 20. Mai 2015 gab Veolia-Mitarbeiter Mike Neumann drei junge Eulen im Tiergarten der Stadt Nürnberg ab. Eine Untersuchung ergab, dass es sich bei den Vögeln um junge Uhus handelte. Die Eulen waren mit durchnässtem Gefieder einem Nest im Einfülltrichter eines Mulchers entnommen worden, als dieser von einem umsichtig arbeitenden Mitarbeiter der Firma Veolia, Thomas Kerber, vor der ersten Inbetriebnahme Monate nach seinem letzten Einsatz kontrolliert wurde.

Nach der erfolgreichen Rettung und der Erstversorgung mit Gewichtskontrolle und Fütterung starteten Tiergarten-Mitarbeiter den Versuch, die Jungvögel wieder zu ihren Eltern zur weiteren Aufzucht zurückzubringen. Noch am selben Nachmittag wurden die Tiere zurück zur Kompostieranlage gebracht. Etwa fünf Meter neben dem ursprünglichen Horstplatz im Mulcher wurde unter einem umgekippten Wurzelstock ein provisorischer Ersatzhorst auf einem großen Haufen aus Baumstümpfen errichtet. Um einen Absturz der Tiere in die großen Hohlräume zu verhindern, füllte Veolia-Mitarbeiter Kerber mit einem Radlader Holzhäcksel in die Zwischenräume. Mit dem „Dach" über dem Nest trocknete das Gefieder der Uhus schnell und das bange Warten, ob die Eltern die neue Situation akzeptierten, begann.

Am 21. Mai 2015 wurde morgens bei Arbeitsbeginn ein Altvogel beim Abflug beobachtet. Bei einer Kontrolle während des Tages konnten die drei jungen Uhus mit trockenem Gefieder bei bester Gesundheit beobachtet werden. Weitere Kontrollen zeigten, dass der Nachwuchs tagsüber alleine gelassen, aber nach Dienstende über die Nacht hinweg offensichtlich bestens versorgt wurde.

Zwischen dem 30. Mai und dem 1. Juni 2015 verließ der erste Jung-Uhu das Nest. Der zweite folgte in der Nacht zum 2. Juni 2015. Von Bodenbruten ist bekannt, dass Jung-Uhus schon nach dreieinhalb Wochen laufend und kletternd ihr Nest verlassen, während sie von Nestern in Felswänden erst mit voller Flugfähigkeit nach zehn bis elf Wochen abfliegen. Wie neu im Nest liegende Ratten belegten, wurde der verbliebene Jungvogel von den Eltern versorgt. Am 3. Juni wurde eine Wildkamera am Horst montiert. Gegen 23.30 Uhr kam ein Altvogel und blieb eine Viertelstunde im Nest. Zwei Stunden später saß nochmals einer der Altvögel oberhalb des Nests. Auch die folgenden Nächte konnte die Versorgung durch die Eltern gut dokumentiert werden. Da sowohl der über 200 Quadratmeter große Haufen mit Baumstümpfen als auch das übrige Werksgelände und der umgebende Forst vielfältige Versteckmöglichkeiten boten, wurde auf eine gezielte Suche nach den beiden anderen Jungvögeln verzichtet, um die Uhu-Familie nicht unnötig zu stören.

Bei einem Wechsel der Datenspeicher am frühen Morgen des 6. Juni 2015 konnten dann wieder alle drei Jungen oben auf dem Wurzelstockhaufen beobachtet werden. Wie Bilder der Kameras später zeigten, hatte der dritte Jungvogel das Nest kurz vor Sonnenaufgang ebenfalls verlassen. Am 12. Juni 2015 beringten Tiergartenmitarbeiter die Jungvögel im Alter von etwa acht Wochen, um sie hoffentlich eines Tages mit einer Sichtung als Brutvögel wiederzuerkennen. Am 22. Juni flogen die beiden älteren Jungtiere aus, am 29. Juni 2015 dann auch der jüngste Uhu.

Aufgrund des Gewichtes von 1,28 Kilogramm, 1,13 Kilogramm und 0,88 Kilogramm bei der Rettung und der Entwicklung des Gefieders geht der Tiergarten davon aus, dass die Uhus Mitte April geschlüpft waren. Bei einer Brutdauer von 34 Tagen muss die Entscheidung der Altvögel, den Horst im Hightech-Mulcher ohne Schutz vor Regen anzulegen, circa Anfang März getroffen worden sein.

Ausgewachsen wiegen Uhus in Mitteleuropa im Schnitt 1,9 Kilogramm (Männchen) und 2,6 Kilogramm (Weibchen). Die Wahl des Horstplatzes im Veolia-Werk hat möglicherweise naheliegende Gründe. Zum einen ist der Bereich zu den Aktivitätszeiten der nachtaktiven Uhus abgesperrt und damit sicher vor Störungen, zum anderen bieten die dortigen Gegebenheiten mit großen Freiflächen und vielen Ratten und Ringeltauben ideale Jagd- und Nahrungsbedingungen. Bis zu sieben tote Ratten konnten tagsüber als "Vorrat" neben den Jung-Uhus gesehen werden. Negativ auf die Überlebenschancen können sich jedoch die direkt über der Anlage verlaufende Hochspannungsleitung und die im Halbkreis um den Horstplatz in 400 bis 800 Meter Entfernung verlaufenden Autobahnen auswirken.

Uhus waren in den 1930er Jahren fast ausgerottet. In ganz Deutschland gab es damals nur noch 50 Brutpaare. Von 1965 bis 1986 wurden in Bayern etwa 330 Uhus ausgewildert, 15 davon aus dem Tiergarten Nürnberg. Dank der Bestandsstützungen, der lokalen Wiederansiedelungen und vor allem des gezielten Schutzes seit den 1960er Jahren, leben heute alleine in Bayern wieder etwa 500 Brutpaare. Mit dem aktuellen Nachweis im Nürnberger Reichswald ist die größte europäische Eulenart nach Jahrzehnten wieder als Brutvogel in das seit dem Jahr 2004 bestehende EU-Vogelschutzgebiet nahe der Frankenmetropole zurückgekehrt. Die nächstgelegenen Horste von Uhus wurden in den letzten Jahren östlich von Hersbruck an Felswänden nachgewiesen. Die 200 Meter lange Gebäudewand des Veolia- Werkgeländes mag die Uhus an eine Felswand erinnert haben, der Horst aber auf dem Mulcher und die Akzeptanz des Ersatzhorstes lässt eher an Bodenbrüter denken. Gebäudebruten sind beim Uhu bereits mehrfach nachgewiesen, etwa am Schloss Callenberg bei Coburg, in Hamburg in Bodennähe auf einem Grabmal und auf einem Gebäude, oder aktuell am Dom in Hildesheim.