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Tiergarten beantwortet häufig gestellte Fragen zur vermeintlichen Tötung eines Löwen

In der am Mittwoch, 28. Oktober 2020, online gegangenen Ausgabe des Podcasts „Horch amol“ der Nürnberger Nachrichten spricht der Direktor des Tiergartens der Stadt Nürnberg, Dr. Dag Encke, über die Notwendigkeit des Populationsmanagements[1]. Im Gespräch mit dem NN Chefredakteur erläutert Encke die Herausforderungen eines konsequenten Artenschutzes. Vor dem Hintergrund, dass immer weniger Platz für bedrohte Tierarten zur Verfügung steht, nimmt die Zahl der in ihrem Bestand bedrohten Tierarten zu. Dieses zunehmende Dilemma könnte in Zukunft dazu führen kann, dass in Artenschutzeinrichtungen wie Zoos oder Nationalparks auch Tiere bedrohter, prominenter Tierarten zugunsten des Artenschutzes getötet werden müssten. Als Beispiel für dieses hypothetische Gedankenexperiment bezog sich Encke auf das im Tiergarten Nürnberg gehaltene, möglicherweise unfruchtbare Löwen-Männchen Subali.

In der Öffentlichkeit wurde die Aussage des 45minütigen Podcasts darauf reduziert, dass der Tiergarten Nürnberg einen männlichen Löwen töten werde, da er keine Nachkommen züchten könne. Aufgrund dieser sinnverfälschenden Verkürzung des Podcast-Gesprächs, erhielt der Tiergarten Nürnberg viele Zuschriften, die sich gegen die vermeintliche Tötung aussprechen. Darin waren auch sich häufig ähnelnde Fragen und Anschuldigungen enthalten.

Im Folgenden beantwortet der Tiergarten Nürnberg folgende Fragen beziehungsweise geht auf folgende Vorwürfe ein:

1.    Warum wird der Löwe nicht einfach ausgewildert?
2.    Warum gibt es für den Löwen keinen Platz?
3.    Warum bringt man Subali nicht einfach zurück nach Afrika?
4.    Man darf doch kein gesundes Tier töten!
5.    Es geht doch eh nur im die süßen Tierbabys, um noch mehr Geld zu verdienen!

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1.    Warum wird der Löwe nicht einfach ausgewildert?

Auswilderung stellt eines der letzten Mittel im Artenschutz dar, wenn zuvor alle anderen Schutzbemühungen versagt haben. Auswilderungsprojekte unterliegen strengen Auflagen der Weltnaturschutzunion IUCN und bedürfen wissenschaftlich, zeitlich, finanziell und logistisch sehr aufwendiger und langandauernder Vorbereitungen. Wichtigstes Kriterium für eine erfolgreiche Auswilderung und Wiederansiedelung von Tieren ist das Vorhandensein von geeigneten Lebensräumen, die es den jeweiligen Tierarten ermöglichen eine langfristig überlebensfähige Population aufzubauen, die sich dabei auch ausbreiten kann. Dafür bedarf es unter anderem ausreichend Platz mit einem entsprechenden Nahrungsangebot, in diesem Fall ausreichend großen Beutetieren. Des Weiteren werden normalerweise junge Tiere ausgewildert, da diesen einerseits die Anpassung an die neuen Bedingungen leichter fällt, andererseits diese grundsätzlich eine längere Lebenserwartung haben als alte Tiere. Dies ist wichtig, da die auszuwildernden Tiere sich in ihrem neuen Lebensraum etablieren sollen. Das Auswildern von auch für den Menschen gefährlichen Großraubtieren wie Löwen, kann nur dort erfolgen, wo Konflikte zwischen Mensch und Tier ausgeschlossen werden können.

Wilde Asiatische Löwen gibt es derzeit nur noch im Gir Nationalpark in Indien. Aktuell stehen den Asiatischen Löwen von ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet (Griechenland, Türkei, Nordafrika, Iran, Irak, Syrien, Pakistan und Indien) keine anderen Lebensräume mehr zur Verfügung. Im Gir Nationalpark leben derzeit etwas mehr als 500 Löwen, womit die Tragfähigkeit des Nationalparks erreicht ist. Deshalb verlassen immer wieder Löwen das Schutzgebiet, wodurch es zu tödlichen Unfällen mit Menschen und auch Verlusten bei Nutztieren kommt. Würde man den mit 14 Jahren schon recht alten Subali im Gir Nationalpark auswildern, dann würde er höchstwahrscheinlich von seinen wilden Artgenossen getötet werden, da alle Reviere bereits besetzt sind.

Subali ist sein Leben lang an Menschen gewöhnt, zusätzlich wurde er immer von Menschen gefüttert. Dadurch bestünde ein großes Risiko, dass er die Nähe zu Menschen oder leicht zu erlegenden Haustieren als Beute suchen würde. Beides würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem für ihn tödlichen Konflikt mit Menschen führen. Die aktuell in Deutschland sehr intensiv geführte Diskussion über den Wolf verdeutlicht das Konfliktpotential zwischen Mensch und Raubtier. Dabei stellt der Wolf für Menschen kaum eine körperliche Gefahr da. Vom heimischen Wohnzimmer in Deutschland aus die Forderung zustellen, eine 200 Kilogramm schwere und an Menschen gewöhnte Großkatze in einem Land auszuwildern, dessen Bevölkerungsdichte zu den höchsten der Welt gehört, ist vor diesem Hintergrund realitätsfremd.

2.    Warum gibt es für den Löwen keinen Platz?

Platz für große Wildtiere ist mittlerweile weltweit und grundsätzlich sehr begrenzt. Lebensraumverlust mündet in Platzmangel. Selbstverständlich ist auch in Zoos nur ein begrenzter Platz vorhanden. In der Regel sind Zoos in ihrer Fläche festgeschrieben, Erweiterungsflächen gibt es nur selten. Es gibt gesetzliche Auflagen für die Haltung von Säugetieren, die Mindestmaße für deren Haltung vorgeben. Für ein Paar Löwen müssen mindestens 300m² vorgehalten werden (außen 200m² außen, innen 100m²). Die Außenanlage des Tiergartens Nürnberg für die zwei Löwen ist über 750m² groß, die Innenanlage über 130m². Schon von daher kann man einen Löwen nicht einfach „irgendwo“ unterbringen. Die Gehege müssen den Tieren angemessen und auch sicher sein. Normale Tierheime und sogenannte Gnadenhöfe sind nicht für die Haltung und Pflege von Großkatzen geplant und ausgerichtet. Neben einem geeigneten Gehege bedarf es auch der Sachkunde des Personals (nachgewiesenes Fachwissen), sowie einer behördlichen Zulassung zur Haltung solcher Tiere. Viele Tierheime dürfen beispielsweise noch nicht einmal einheimische Wildtiere aufnehmen. Die Haltung von Großraubtieren und der Gehegebau sind kostenintensiv. Einrichtungen, denen laut eigener Aussage jetzt bereits die finanziellen Mittel fehlen um ihren derzeitigen Haus- und Nutztierbestand zu versorgen, werden die Haltung von Großraubtieren kaum realisieren können.

Außerdem muss bei der Platzfrage immer bedacht werden, dass es unzählige vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten gibt. Auch Zoos werden nicht alle Tierarten vor dem Aussterben bewahren können, einige jedoch schon. Für deren Haltung und Zucht wird allerdings Platz benötigt, der, wie bereits erwähnt, begrenzt ist. Von daher ist es immer eine Abwägung, wie viele Individuen von einer Art und wie viele Arten innerhalb eines Zoos gehalten werden können. Dafür definiert jedes EEP (EAZA Ex-Situ Programm = Erhaltungszuchtprogramm der europäischen Zoos) eine Zielgröße der Population, die es für den langfristigen Erhalt der jeweiligen Art benötigt. Die Population über die Zielgröße hinaus wachsen zu lassen, macht wenig Sinn, weil Platz ohnehin sehr knapp ist und dringend für die Haltung weiterer bedrohter Arten benötigt wird. Ebenso ist abzuwägen, ob ein Individuum einer zwar eigentlich bedrohten Art, das jedoch beispielsweise aufgrund von Unfruchtbarkeit oder sich weitervererbenden genetischen Defekten nicht zum Arterhalt beitragen kann, einen Teil dieses dringend benötigten Platzes blockieren darf oder nicht. Diese Grundsatzentscheidung ist nicht einfach und wird auch nicht leichtfertig getroffen, muss hierbei doch zwischen dem Wohl einzelner Individuen und dem Wohl ganzer Arten entschieden werden.

Selbst in der Natur ist der Platz für Asiatische Löwen mittlerweile extrem klein geworden. Ursprünglich vom Iran und Irak, über Syrien bis Pakistan und Indien verbreitet, kommen sie derzeit nur noch im 1.412 km² großen Gir Nationalpark und den angrenzenden Schutzgebieten in Indien vor. Dies entspricht noch nicht einmal der achtfachen Fläche der Stadt Nürnberg. Wenn selbst in der Natur Platzmangel eine Tierart an den Rand des Aussterbens drängt, dann wird deutlich, welche Rolle jeder einzelne Platz in Zoos für die Arten spielen kann.

3.    Warum bringt man Subali nicht einfach zurück nach Afrika?

Subali ist ein Asiatischer Löwe (Panthera leo persica), in Afrika leben Afrikanische Löwen (Panthera leo leo). Das Verbringen von Asiatischen Löwen in das Verbreitungsgebiet Afrikanischer Löwen würde eine Faunenverfälschung und eine mögliche Vermischung (Hybridisierung) beider (Unter-) Arten bedeuten. Dies liegt nicht im Sinne des Natur- und Artenschutzes, denn hierbei wird versucht, Arten und Unterarten zu erhalten und nicht zu vermischen, sofern möglich.

In Asien selber gibt es nur eine einzige Population Asiatischer Löwen im Gir Nationalpark in Indien. Dort leben jetzt schon so viele Löwen, dass sie den Park verlassen und zur realen Lebensbedrohung für die umliegende Bevölkerung werden. Dort gibt es keinen Platz für weitere Löwen mehr. Unabhängig davon würde Subali als Eindringling in bestehende Reviere von ansässigen Löwen von diesen sofort getötet werden.

4.    Man darf doch kein gesundes Tier töten!

Als Tierhalter sind wir nicht nur gesetzlich dazu verpflichtet, unsere Tiere ihren Bedürfnissen entsprechend angemessen zu ernähren, sondern tun dies auch aus Überzeugung, basierend auf biologischen Fakten. Pflanzenfresser fressen Pflanzen, Fleischfresser fressen Fleisch. So ist es für uns selbstverständlich, dass unsere Pflanzenfresser, wann immer möglich, frisches Gras und Laub, oder selbstangebaute Feldfrüchte von unserem eigenen biozertifiziertem landwirtschaftlichen Gut zu fressen bekommen. Ebenso selbstverständlich ist es für uns, dass wir auch unsere Fleischfresser mit hochwertigem Futter versorgen. Dazu gehört es auch, dass wir gesunde Tiere aus dem Tiergarten töten und an Raubtiere verfüttern. Sobald man sich als Tierhalter dazu entschließt ein Raubtier zu halten, trifft man damit auch automatisch die Entscheidung, es mit anderen Tieren zu ernähren. Dies gilt auch für Hauskatzen und –hunde, die mit Fleisch aus der Dose gefüttert werden. Die Liste der im Tiergarten Nürnberg zur Verfütterung getöteten Tiere wird völlig transparent monatlich im Tiergarten öffentlich ausgehängt und zusätzlich im frei zugänglichen Jahresbericht veröffentlicht.

Kranke Tiere werden im Zoo ebenso wenig an andere Tiere verfüttert, wie kranke Nutztiere nicht der menschlichen Ernährung zugeführt werden. Kranke Tiere werden in der Pathologie untersucht, um die Erkrankung oder Todesursache festzustellen, da diese auch immer ansteckend sein kann. Sonst könnte es zur Ausbreitung von Tierseuchen kommen. Fleischfresser töten auch andere Fleischfresser, die dann entweder direkt gefressen werden oder von Aasfressern genutzt werden. So wäre auch das Töten eines Löwen und die anschließende Verfütterung an Geier rein biologisch betrachtet normal und grundsätzlich ethisch vertretbar.

Wie dem, der aktuellen Diskussion zugrundeliegenden aber offensichtlich kaum aufmerksam und in Gänze gehörtem, Podcast zu entnehmen ist, gibt es derzeit keine konkreten Pläne Subali zu töten. Dies wäre aber das letzte und durchaus zu diskutierende Mittel. Im Augenblick ist weder die vermutete Unfruchtbarkeit von Subali bestätigt, noch ist der Reproduktionsstatus des weiblichen Löwens Aarany bekannt. Aktuell versucht der Tiergarten noch durch Änderungen im Tiermanagement mit den Löwen zu züchten. Sollte dies nicht erfolgreich sein, dann wären weitere Schritte Fertilitätsuntersuchungen oder möglicherweise ein Partnertausch. Parallel dazu steht der Tiergarten in Kontakt mit der Koordinatorin des EEPs (EAZA Ex-Situ Programm = Erhaltungszuchtprogramm der europäischen Zoos) für Asiatische Löwen. Über das EEP würde bei mangelnder Fruchtbarkeit ein neuer Halter für Subali zunächst innerhalb des europäischen Zooverbands EAZA gesucht werden, danach unter Umständen auch außerhalb des Verbandes. Solche Prozesse sind jedoch oft sehr langwierig, Subali dagegen ist mit 14 Jahren bereits recht alt für einen Löwen. Von daher ist es genauso denkbar, dass er altersbedingt stirbt, bevor die Entscheidung in aktiv zu töten getroffen werden wird.

5.    Es geht doch eh nur im die süßen Tierbabys, um noch mehr Geld zu verdienen!

Ja, es geht um Löwenwelpen, aber nicht um damit Geld zu verdienen, sondern um den Erhalt dieser Tierart zu sichern. Fortpflanzung und die damit verbundenen Jungtiere, ungeachtet ihrer Attraktivität, sind für den Arterhalt unabdingbar. Ohne Fortpflanzung kein Fortbestand. Als städtische Dienststelle einen möglichst hohen finanziellen Deckungsgrad anzustreben, den Zoos nur über Eintritt zahlende Besucher erreichen können, kann kaum negativ ausgelegt werden. Aus diesem Grund ist es also absolut legitim Jungtiere über eine Pressemitteilung zu kommunizieren, ebenso veröffentlicht der Tiergarten Nürnberg auch Todesfälle bei Tieren.

Einen Zusammenhang zwischen Jungtieren und Besucheraufkommen gab es in den letzten Jahrzehnten nur beim Eisbären Flocke. Dies war ein medialer Hype, für den weder die Medienvertreter noch der Tiergarten eine schlüssige Erklärung gefunden haben. Weder die Geburt noch der Tod bei für den Tiergarten wichtigen Tierarten wie Delphinen oder Elefanten haben sich im Besucheraufkommen bemerkbar gemacht. Insofern spielt dieser Aspekt bei den Bestands- und Zuchtplanungen auch keine Rolle.

Mit dem Artenschutz selbst verdienen Zoos kein Geld. Wäre dies möglich, dann gäbe es dafür eine ganze Industrie. Zoos betreiben Artenschutz aus Selbstverpflichtung und gesetzlicher Auflage heraus. Rein wirtschaftlich betrachtet ist die Haltung einer bedrohten Art oft aufwendiger und damit auch kostenintensiver, als die Haltung einer vergleichbaren, nicht bedrohten Art. Dies liegt beispielsweise daran, dass die Transporte aufgrund der internationalen Zuchtprogramme logistisch und finanziell sehr viel aufwendiger sind, als innerstaatliche Transporte. Ebenso ist die Verwaltung (Datenbankpflege, artenschutzrechtliche Papiere usw.) bedrohter Tierarten sehr viel umfangreicher.

Koordiniert ein Zoo ein internationales Erhaltungszuchtprogramm (EEP = EAZA Ex-Situ Programm / Erhaltungszuchtprogramm der europäischen Zoos), dann kommt zusätzlich ein hoher zeitlicher Aufwand für die Kommunikation und Koordination dieses Programms hinzu. Auch die Attraktivität für Besucher von bedrohten Arten ist oft geringer. Der Vergleich zwischen einem stark gefährdeten eher unscheinbaren Waldrapp mit einem nicht gefährdeten leuchtend roten Roten Sichler macht dies beispielhaft deutlich.


[1] https://www.nordbayern.de/region/nuernberg/horch-amol-tiere-toten-im-nurnberger-tiergarten-1.10559372?searched=true