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Bartgeierpaar im Tiergarten adoptiert Küken

Das Bartgeierpaar im Tiergarten Nürnberg hat ein Bartgeierküken aus der Zuchtstation Haringsee in Österreich adoptiert. Das Junge mit dem Namen "Wastl" ist am 6. März geschlüpft und kam Mitte März in den Tiergarten. Die Nürnberger Bartgeier ziehen ihn in der 2016 eröffneten Voliere auf, die der Tiergarten mit Unterstützung des Vereins der Tiergartenfreunde e.V. gebaut hat. Sie haben das Küken als Ammenpaar gut angenommen, füttern und pflegen es. Der adoptierte Nürnberger Bartgeier stammt aus einer genetisch wertvollen Linie. Er soll später zur Zucht eingesetzt werden, um für Nachwuchs zu sorgen.

"In der Vergangenheit hat unser Bartgeierpaar schon mehrfach erfolgreich Junge aufgezogen. Leider hat es aber auch dieses Jahr wieder nicht mit Nachwuchs geklappt. Ein Ei war unbefruchtet, im anderen starb der Embryo noch vor dem Schlupf ab", sagt Jörg Beckmann, Biologischer Leiter und stellvertretender Direktor des Tiergartens. "Umso erfreulicher ist es, dass sie jetzt den kleinen Wastl adoptiert haben und sich fürsorglich um ihn kümmern – zumal sie bisher noch nie als Adoptiveltern eingesetzt waren. Dies zeigt, wie gut die Zusammenarbeit im Erhaltungszuchtprogramm für Bartgeier zwischen verschiedensten Einrichtungen in ganz Europa funktioniert."

Der Transport eines so jungen Kükens ist durchaus aufwendig: "Der kleine Bartgeier wurde nach einem Gesundheitstest behutsam, in einem warmen Nest und unter dauernder Betreuung durch eine erfahrene Pflegerin nach Nürnberg transportiert. Über die spezifischen Lautäußerungen des Winzlings konnte die routinierte Betreuerin erkennen, ob und wie sie reagieren muss, um das Wohlbefinden des empfindlichen Jungvogels sicherzustellen. So landete der Kleine nach vielen Stunden Autofahrt wohlbehalten bei seinen neuen Zieheltern in Nürnberg", sagt Dr. Hans Frey, Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee. "Das Brutpaar im Tiergarten Nürnberg ist eines der ältesten und erfolgreichsten im ganzen Zuchtnetz. Auch wenn es mit dem eigenen Nachwuchs nicht geklappt hat, kann es dennoch die überaus wichtige Rolle von Adoptiveltern erfüllen."

Adoptionen tragen zum Arterhalt bei

Bartgeier legen meist zwei Eier im Abstand von rund zehn Tagen. Bei der Bebrütung wechselt sich das Paar ab. Schlüpfen beide Jungvögel, so überlebt in der Natur in der Regel nur das ältere. Das jüngere Küken wird normalerweise entweder vom älteren getötet oder es verhungert, weil es sich gegen das ältere Geschwister nicht durchsetzen kann. Dieses Verhalten, auch Kainismus genannt, ist für die Art völlig normal. Das zweite Junge dient als Reserve, falls das ältere die ersten Tage nicht überlebt oder das Ei unbefruchtet ist.

Der Jungvogel aus Haringsee ist in sogenannter Kunstbrut geschlüpft. Das Ei wurde nicht durch die Eltern bebrütet, sondern in einem Inkubator, also einem speziellen Brutapparat. Allein in dieser Brutsaison sind bisher über 30 Geierküken in den Zoos und Zuchtzentren geschlüpft.

Wenn eines der Küken – wie im Fall des Adoptivgeiers in Nürnberg – von einem Ammenpaar aufgezogen wird, erhöht sich die Anzahl der Tiere, die für eine Auswilderung in Frage kommen oder innerhalb des europäischen Zuchtprogramms für den Fortbestand dieser Art sorgen können. Außerdem werden die adoptierten Küken von Artgenossen aufgezogen, was sich positiv auf das Verhalten der Tiere auswirkt.

Erfolgreiche Bartgeier-Zucht seit 1997

Der Tiergarten Nürnberg hält – mit nur kurzen Unterbrechungen – bereits seit 1965 Bartgeier. Sie sind Teil des europäischen Zuchtprogrammes EEP (EAZA ex situ-Programm), das den Erhalt der Art und auch deren Wiederansiedelung in der Natur zum Ziel hat. Zusammen mit dem Tiergarten Nürnberg beteiligen sich 40 Zoos und Zuchtstationen in Europa am EEP für Bartgeier. In Nürnberg wurde 1997 zum ersten Mal ein Jungtier erfolgreich aufgezogen. Mit seinen Nachzuchten unterstützte der Tiergarten bereits Auswilderungsprojekte in Spanien und Frankreich.

Das Nürnberger Bartgeierweibchen ist 1999 im Zoo Poznan in Polen geschlüpft. Das 43 Jahre alte Männchen kam im Alpenzoo in Innsbruck zur Welt. Das Nürnberger Paar hatte in der Vergangenheit bereits fünf Mal Nachwuchs, vier der Jungtiere wurden großgezogen, drei davon im Rahmen des EEP ausgewildert. "Zoos und Zuchtstationen spielen bei Auswilderungsprojekten eine entscheidende Rolle, da sie die hierfür notwendigen Tiere zur Verfügung stellen. Wir brauchen eine stabile sogenannte Reservepopulation an Tieren, die wir in menschlicher Obhut halten und züchten, um schließlich auswildern zu können", sagt Beckmann.

Über den Bartgeier und seine Wiederansiedelung

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten, flugfähigen Vögeln der Welt. Das Gefieder des Greifvogels setzt sich aus neuen und alten Federn zusammen. Die frischen Federn des Bartgeiers sind weiß, die älteren haben sich im Laufe der Zeit rostrot verfärbt. Dieser Farbwechsel entsteht durch das Baden in eisenoxidhaltigem Schlamm. Erwachsene Bartgeier ernähren sich hauptsächlich von Knochen, die sie im Ganzen schlucken. Sind diese zu groß, lassen sie sie aus luftiger Höhe auf Felsen fallen, um sie so zu zerkleinern. Im Spanischen wird der Bartgeier deshalb auch "Knochenbrecher" genannt.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der majestätische Greifvogel in den Alpen ausgerottet. 1913 wurde der letzte Bartgeier der Alpen im italienischen Aosta Tal geschossen. Im Rahmen eines in den 1970er Jahren großangelegten Zuchtprojekts werden seit 1986 im Alpenraum junge Bartgeier ausgewildert. Dieses Zuchtprojekt ist 1993 in ein EEP überführt worden, das von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet wird. Seit Beginn der Auswilderungen im Alpenraum wurden rund 250 Bartgeier ausgewildert. Zusammen mit ihren Nachzuchten leben heute wieder ungefähr 300 Bartgeier in den Alpen, darunter mehr als 60 Zuchtpaare.