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Tierärzte für Tierschutz: Große Tagung im Tiergarten

130 Tierärztinnen und Tierärzte tagten auf Einladung der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) und der Akademie für tierärztliche Fortbildungen (ATF) der Bundestierärztekammer e.V. am 23. und 24. Juni 2023 im Tiergarten der Stadt Nürnberg. Ein thematischer Schwerpunkt des Seminars „Tierschutz in Zirkus und Zoo“ war das Verfüttern von Zootieren an Zootiere.

Eine nachhaltigere Art, Futter für die Fleischfresser in Zoos zu produzieren, gibt es nicht: darin waren sich Referentinnen, Referenten und Tagungsteilnehmerinnen einig. Bei keiner anderen Lieferquelle haben Zoos eine derartige Gewissheit, dass die verfütterten Tiere gut gehalten, gesund ernährt und dass sie fachgerecht und idealerweise in ihrem Gehege getötet wurden.

„Indem wir eigene Tiere verfüttern, bieten wir unseren Fleischfressern zudem eine gesunde und artgerechte Ernährung“, sagte die Tierärztin des Tiergartens Nürnberg, Dr. Katrin Baumgartner. „Wegen der kurzen Transportwege ist das Fleisch sehr frisch und wir haben so auch die Möglichkeit, zum Beispiel den großen Raubkatzen ganze Körperteile mit Fell und Knochen anzubieten.“ So, wie sie es in ihren natürlichen Lebensräumen auch fressen.

Verfüttert werden zum Beispiel Nutztiere, Nagetiere sowie Wildwiederkäuer und -equiden. Auch gefährdete Arten sind darunter. Was paradox anmuten mag, trägt tatsächlich zur Arterhaltung etwa alter Nutztierrassen bei. Denn „mit der Zucht alter Nutztierrassen bewahren wir die Arten und alle Vorteile, die sie den Menschen in vielen Jahrhunderten des Zusammenlebens gebracht haben“, erläuterte die Tierärztin des Tierparks Nordhorn, Dr. Heike Weber.

„Bei uns im Zoo halten wir die Tiere artgerecht: Dazu gehört auch, dass sie sich fortpflanzen und gesund ernährt werden. Und dadurch, dass wir regelmäßig auch Tiere schlachten und sie an andere Zootiere verfüttern, erhalten wir junge, vielfältige und gesunde Populationen. Darüber hinaus werden seltene alte Nutztierrassen wie z.B. das Bunte Bentheimer Schwein, unter dem Motto „Erhalten durch Aufessen“ den Besuchern in der Zooeigenen Gastronomie angeboten. Denn nur, wenn man die Nutztiere züchtet und nutzt, kann man die alten Rassen langfristig erhalten“, fügt sie erklärend an.

Die Verantwortung der Zoos für gefährdete Arten wächst

„Das Töten und Verfüttern von Tieren ist eine unvermeidbare Begleiterscheinung erfolgreicher Artenschutzprogramme. Das trifft auf den Biber in bayerischen Gewässern genauso zu wie für den Somali-Wildesel im Tiergarten“, sagte der leitende Direktor des Nürnberger Tiergartens, Dr. Dag Encke. „Weil eine zunehmende Anzahl an Tierarten, die im Zoo gehalten wird, in der Wildbahn nicht mehr überlebensfähig ist, entscheidet unser Management über den Verlust oder Erhalt dieser Arten“, so Encke. Das Ziel bestehe darin, stabile und resiliente Populationen aufzubauen – um das zu erreichen, sei das Töten überzähliger Tiere vernünftig und fachlich geboten.

„Es ist ein ethisches Problem, Zootiere an Zootiere zu verfüttern – wenn man es nicht tut“, resümierte Prof. Dr. Marcus Clauss von der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich in seinem Beitrag. Den Vorträgen der Referentinnen und Referenten schlossen sich rege Diskussionen an, die sich auch in kleineren Gesprächsrunden zwischen den Programmpunkten fortsetzten.

„Der fachliche Austausch und die manchmal auch kontroversen Diskussionen auf unseren Tagungen sind für die Teilnehmer sehr wertvoll“, sagte der Dezernatsleiter Tierarzneimittelüberwachung im Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit und leitender Organisator der Tagung, Tierarzt Dr. Matthias Triphaus. „Indem wir uns regelmäßig austauschen und auch schwierige Themen gemeinsam angehen, tragen wir zur stetigen Verbesserung der Haltung von Tieren in Zoos bei.“

Flugunfähigmachen und Stressmessung bei Vögeln

In einem weiteren Schwerpunkt befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars mit verschiedenen Aspekten des Flugunfähigmachens von Vögeln. Mit seinen Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Flamingos beschäftigte sich etwa der Tierarzt des Zoos Karlsruhe, Dr. Lukas Reese, in seinem Beitrag. Wie das Wohlbefinden von Pelikanen mithilfe der Bestimmung des Stresshormons Corticosteron und der Verhaltensbeobachtung gemessen werden kann, erläuterte die Tierärztin des Erlebnis Vogelparks Marlow, Gudrun Haase.

Dass Corticosteron-Messungen auch dabei helfen, neue Methoden der Federentnahme zu bewerten, legte Tierärztin Dr. Marielu Voit in ihrem Beitrag dar. Sie forschte für ihre 2022 abgeschlossene Doktorarbeit „Validierung und Evaluierung einer Alternativen Probeentnahmetechnik zur Corticosteronbestimmung in Federn“ unter anderem im Tiergarten Nürnberg. Von der Tierärztin Frederike Liermann wurde das aktuelle Projekt zur Untersuchung von Weißstörchen vorgestellt.

Über die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) bietet ihren Mitgliedern regelmäßig die Möglichkeit zum Austausch: Das Seminar „Tierschutz in Zirkus und Zoo“ im Tiergarten Nürnberg war bereits das 20. dieser Art. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) wurde im Jahr 1985 gegründet. Mitglieder sind derzeit deutschlandweit rund 1.300 Tierärzte und etwa 40 Naturwissenschaftler verwandter Disziplinen, denen Tierschutz ein wichtiges Anliegen ist.

Diese Spezialisten aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern, von der Großtier- bis zur Kleintierpraxis, von Universitäten, Zoos, Veterinärämtern und aus der Wirtschaft, setzen sich zusätzlich zu ihren beruflichen Aufgaben mit ihren fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in besonderer Weise zum Schutz und zur Sicherung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Tiere ein. Dabei arbeiten alle Mitglieder ehrenamtlich.

Mit den verschiedenen Stellungnahmen und Leitlinien setzen die Tierärzte dabei auch für die Rechtsprechung und die politische Arbeit wichtige Akzente. Der Tiergarten Nürnberg engagiert sich über sein Tierarztteam mit Katrin Baumgartner und Hermann Will in der TVT. „Wir freuen uns sehr, dass das TVT-Seminar diesmal bei uns im Tiergarten stattgefunden hat“, sagt Dr. Herrmann Will.